© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de    01/99  01.01.99

 
 
Alexander Solschenizyn: Nachtrag zu seinem 80. Geburtstag
Ein gescheiterter Prophet
Andrzej Madela

Als die Literaturzeitschrift Nowyj Mir 1962 mit allerhöchster Erlaubnis seine Novelle bringt, schlägt diese bei Lesern und Kritik gleichermaßen wie eine Bombe ein. Nicht genug damit, daß der Verfasser ein Ex-Gulag-Sträfling mit 12jähriger Innenerfahrung ist, ein Nobody aus dem unsäglichen Provinzkaff Rjasan, wo er sich als mies bezahlter Mathematiklehrer durchs Leben schlägt. Nein, der 44jährige Alexander Solschenizyn bricht mit "Ein Tag im Leben des Iwan Denissawitsch" auch noch eines der bestgehüteten Tabus der jüngsten Zeitgeschichte: Ausmaß und Regelwerk des sowjetischen Strafhegersystems.

In dem knapp 90seitigen Werk fällt kein Schuß, wird keine Hinrichtung vollzogen und kein Häftling zu Tode getreten. Der Alltag des Lagers ist von früh bis spät von Arbeit erfüllt. Einer Arbeit allerdings, die in ihrer unsagbaren Härte, Dauer und Stumpfsinn absehbar einzig die physische und psychische Vernichtung des SeK, wie der Lagerinsasse im Gulag heißt, zum Zweck hat.

Daß gerade diese Novelle eine echte Erschütterung bei Freund und Feind auslöst, hat auch mit dem angegriffenen Selbstverständnis der jungen Sowjetgesellschaft zu tun, gründet dieses doch auf befreiter Arbeit, die sich vom Zwang unterjochten Daseins loseist. Schockierender aber noch als das Bild terroristisch verfaßter Staatsgewalt muß deren Verinnerlichung gewesen sein, die sich so erbarmungslos bei allen Figuren durchsetzt.

Das Werk beeindruckt heute noch mit seiner hervorragenden Figurenzeichnung, ebenso wie mit dem äußerst wuchtig-konzentrierten Handlungsablauf, in den feinfühlige Miniaturen grauenvoller Schicksale eingebaut sind. Unvergessen auch die Erzählperspektive: Sie ist auf den Gesichtskreis des SeK zugeschnitten. Kein besserwisserisches Wort trübt den Bericht, keine Polemik findet statt.

Freilich sehen Freund und Feind sehr wohl, daß jede Zeile des Werkes faktisch als Totenschein für die Sowjetgesellschaft zu lesen ist. Vorerst jedoch kommt der durch die Novelle schwer irritierte Apparat an den Mann nicht ran. Alexander Twardowskij, der Chefredakteur der Nowyj Mir, ist ein geschmeidiger, aber charakterfester Förderer von Solschenizyn. Von Hause aus Schriftsteller, gilt er als Glücksfall für die Redaktion. Seinerseits hat er wiederum einen ausgezeichneten Draht zu Nikita Chrustschow.

Daß er bis 1967 relativ unbehelligt publizieren kann, hat freilich auch noch einen anderen Grund als die schützende Hand eines in Kulturdingen sonst eher unbedeckten Generalsekretärs. In den sechziger Jahren kommt auch in Rußland eine Generation zu Wort, die zwar weiß, daß die kommunistische Herrschaft auf Bergen von Totenschädeln steht, selbst aber nicht mehr die unmittelbare physische Vernichtung fürchten muß. Sie entdeckt in der Kultur einen Keim des notwendigen ethischen Neubeginns und deutet ihn zum Element ziviler und bürgerlicher Freiheit um. Später wird sie die erste intellektuelle Plattform der Bürgerrechtsbewegung bilden. Und genau wie jene wird auch diese erst einen sittlichen Neubeginn vom Individiuum fordern.

Der Burgfrieden zwischen Solschenizyn und dem Apparat ist nur von kurzer Dauer. 1964 muß Nikita Chrustschow den Hut nehmen; Alexander Twardarskij wird zusehends kaltgestellt. Als sein Schützling 1968 gegen den Einmarsch in die Tschechoslowakei protestiert und öffentlich die Aufhebung der Zensur fordert, reißt der kulturpolitische Geduldsfaden. Was folgt, sind der Ausschluß aus dem Schriftstellerverband und eine Hetze übelster Art. Als Solschenizyn 1968 die Lagerromane "Der erste Kreis" und "Krebsstation" in Frankfurt am Main erscheinen läßt, eskaliert der Konflikt ins Unberechenbare.

In dieser Zeit ahnt allerdings noch niemand, daß der ganz große epische Wurf noch aussteht. Die westliche Kritik, von den zwei letzten Romanen sichtlich beeindruckt, hält aber Solschenizyn für einen nur sehr vorsichtigen Neuerer russischsprachiger Prosa. Er hat freilich in der Welt der Literatur die Sprache eines staatlich organisierten Todes etabliert und den SeK zu einer Universalfigur seine Zeitalters entwickelt. Aus dessen Überlebensperspektive gewinnt unsere Welt alptraumhafte Konturen, unser rationales Weltbild bekommt gewaltige Risse, und der Ruf nach einer passenden Sorte Kitt, die in die Bruchstellen zu drücken wäre, gerät zur diabolischen Selbstversuchung.

Doch die Kritik erkennt auch, daß die Beweise seiner Romane eher traditionellen Mustern entspringen. Ein unbekümmertes Spiel mit sowjetischen Redeweisen, die einander ad absurdum führen, ist seine Sache ebensowenig wie das leichthändige Jonglieren mit halb erfundenem, halb überliefertem Material. Auch der tiefe Ernst seiner Prosa steht im markanten Widerspruch zur beabsichtigten Heiterkeit der westeuropäischen Postmoderne, die sich gerade anschickt, den zeitgenössischen Humor aus der Kombination ernsten und heiteren Materials zu entwickeln. Allgemein herrscht das unausgesprochene Urteil, Solschenizyn sei ein Schriftsteller von einem Rang, der nicht mehr steigerungsfähig erscheint.

Das ist er aber. Als 1974 der "Archipel Gulag" gleichzeitig in drei Sprachen zu erscheinen beginnt, stockt der Kritik den Atem. Nahezu ein halbes Jahrhundert erzählte Zeit, über 3.000 Seiten, Hunderte von Einzelschicksalen, ein wuchtiger Materialteil mit immensem Anmerkungsapparat – diese gesammelte Kraft an Erkenntnis hatte bisher keiner geboten.

Dennoch ist "Archipel Gulag" auch der Versuch einer künstlerischen Bewältigung des Themas. Davon zeugen nicht nur die eindeutig autobiographischen Passagen mit ihrem hochkomplizierten Geflecht aus Selbstanalyse, innerem Monolog und eindeutig an den Leser gerichteten Ansprachen. Er ist eine künstlerische Polemik mit jener lauen Pseudokritik am Stalinismus, die sich mit staatlicher Genehmigung Ende der fünfziger Jahre zu Wort melden darf. Und er ist gleichzeitig Geschichtsschreibung erster Güte – ohne überreiche Materialfunde in bestens gehüteten Staatsarchiven, sondern gestützt auf die mündliche Überlieferung durch unmittelbare Opfer, auf ihre Erinnerung und ihr Gedächtnis.

"Archipel Gulag" hat die Sicht auf den sowjetischen Stalinismus in Westeuropa entheurisiert und gleichzeitig revolutioniert. Allein in der Bundesrepublik wurden binnen eines halben Jahres 1,1 Millionen Exemplare des Buches verkauft; bis 1976 lagen Übersetzungen seiner Werke in 30 Sprachen und einer Gesamtauflage von 30 Millionen Exemplaren vor. Als Solschenizyn 1974 aus der Sowjetunion ausgewiesen wird, steht er auf dem Höhepunkt seiner Popularität.

Daß letztere schon bald im Schwinden begriffen sein wird, hat ebenfalls ursächlich mit "Archipel" zu tun. Was dort an eminenter Empfehlung zum nachsowjetischen Neuanfang steht, wirkt wie eine Remedur klassischer russischer Ideologie des 19. Jahrhunderts. Im Telegrammstil: Der Kommunismus sei ein genuines Produkt westlicher Zivilisation; diese sei der russischen Seele fremd; ein Neubeginn habe bei den ursprünglichen sittlichen Kräften des Russentums anzusetzen, insbesondere seiner orthodoxen Kirche und seinem Bauerntum. Aus der russischen Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft ergäben sich Formen und Strukturen, die mit denen des Westens nicht kompatibel sind.

Bleibt diese Kritik am Westen noch in "Archipel Gulag" der am kommunistischen Totalitarismus nachgeordnet, so verkehren sich die Vorzeichen bei seinem letzten Zyklus,dem auf zwei "Akte" und zwanzig "Knoten" konzipierten "Roten Rad", in ihr Gegenteil. "Das Rote Rad" gerät bei Solschenizyn zu einer Fundamentalkritik am Westen – und scheitert dabei erbärmlich. "Das Rote Rad" sollte nicht nur die Überbietung von "Archipel Gulag" sein und in seiner Darstellung bis zu den Wurzeln russischen Unheils vordringen, in dem das Unheil Europas bereits vorgeformt sei. Der Zyklus hatte auch den Ehrgeiz, aus der fehlgelaufenen Entwicklung die Möglichkeiten eines anderen Weges zu skizzieren. An dem Doppelprojekt von Fiktion und Heilsgeschichte scheitert Solschenizyn jedoch unwiderruflich.

Das liegt zum großen Teil daran, daß der Roman kein eigenständiges Leben führt. Er wird geradezu erschlagen von einer Fülle von Dokumentarmaterial, das die Handlung nicht vom Fleck wegkommen läßt. Berge unnötiger, schlecht eingebauter oder gar doppelt aufgebotener Dokumente lähmen die Dramaturgie. Im eisernen Griff der geschlossenen geschichtsphilosophischen Konzeptionen eines orthodox-slawophilen Bauerntums führen die Romanfiguren nur ein Scheinleben; statt blutvollen Charakteren mit unverwechselbarer Sprache und Welt begegnen wir hölzernen Meinungsträgern.

Jeder Band des Zyklus – "August Vierzehn", "November Sechzehn", "März Siebzehn", "April Siebzehn" –- vertieft die ohnehin kaum noch meßbare Enttäuschung aufs neue. Nicht viel besser verhält es sich mit den programmatischen Schriften zur russischen Erneuerung. Deren bekannteste, der 1990 erschienene Aufsatz "Wie soll Rußland leben?", hat mit dem "Roten Rad" die gleiche fundamental antiwestliche, orthodox-idealisierende Sicht auf die Dinge gemein.

Alexander Solschenizyn ist heute ein Museum seiner selbst und auf jeden Fall dabei, die Selbstbeschädigung seines Ansehens unumkehrbar zu machen. Mit seiner russischen Leserschaft steht er schon seit längerem auf Kriegsfuß, deren Sehnsucht nach dem Westen erscheint ihm zügellos, die westlichen Roßkuren für die russische Wirtschaft ein geradezu krimineller Akt.

Dem ist nicht zu folgen. Denn bis heute ist noch jede russische Wirtschaft nicht an einen Zuviel, sondern an einem Zuwenig an modernem westlichen Management gescheitert. Die Industrielandschaften im Dnezbecken und Westsibirien wünschen nichts sehnlicher als entschlankte Verwaltung und zielgerichtete Führung; die Lada-Werke sind bislang allenfalls eine Karikatur der Wolfsburger Effizienz, und wer einmal in Moskau ein Bank aufgesucht hat, weiß seine Sparkasse plötzlich von neuem zu schätzen.

Seine Rolle als Prophet war schon überlebt, als er 1994 aus dem Exil zurückkam. Solschenizyns Leser sind jung und pragmatisch. Der kommunistische Schrecken kommt ihnen arg verblichen vor, der Streit um ethische Grundsatzfragen bei leerem Magen müßig. Der da als Reformer Rußlands kommt, muß kein Heiland sein. Allein Macherqualitäten soll er schon haben.