1.14.3. Adressen

Wie bei IPv4 bezeichnet auch bei IPv6 eine IP-Adresse ein Interface an einem Rechner, d.h., ein Rechner mit mehreren Interfaces wird üblicherweise mehrere IP-Adressen haben (es kann sich dann entweder um einen Router oder um einen multihomed Host handeln, siehe Kapitel 1A).

Bei IPv4 haben Sie bereits den Ausnahmefall kennengelernt, daß einem Interface mehrere IP-Adressen zugeordnet sind. Bei IPv6 ist dies nun "offiziell" zugelassen.

Wir unterscheiden wieder drei Arten von Adressen:

Die beiden ersten Arten sollten Ihnen bekannt sein. In IPv4 gab es noch Broadcast-Adressen, deren Funktion bei IPv6 durch entsprechende Multicast-Adressen ersetzt wird.

Die bei IPv6 neu eingeführten Anycast-Adressen bezeichnen eine Gruppe von Interfaces, die typischerweise zu verschiedenen Rechnern gehören. Im Unterschied zu Multicast werden IP-Pakete bei Verwendung einer Anycast-Adresse aber nicht an alle Mitglieder der Gruppe geschickt, sondern an ein Mitglied der Gruppe (üblicherweise das "nächstgelegene"). Eine typische Anwendung von Anycast-Adressen wird darin bestehen, "irgendeinen" Server einer bestimmten Sorte zu erreichen, z.B. den "nächstgelegenen" Name-Server oder WWW-Proxy-Server.

Es kommt hoffentlich selten vor, daß IPv6-Adressen dem Benutzer präsentiert oder gar von ihm eingegeben werden müssen. Ganz vermeiden läßt sich das aber nicht. Zum Beispiel bei der Fehlersuche oder bei den Erläuterungen in diesem Kapitel werden wir mit ihnen konfrontiert.

Als Konvention für die Schreibweise wurde in diesem Fall festgelegt, daß der 128-Bit-Wert in Form von 8 vierstelligen, durch Doppelpunkte getrennten Hexadezimalwerten angegeben wird, z.B.:

   1234:0000:0000:0000:0000:0678:ab56:0faf
Führende Nullen dürfen bei jeder Hexadezimalzahl weggelassen werden. Außerdem kann die nicht selten vorkommende Folge von Null-Einträgen durch zwei Doppelpunkte ersetzt werden, so daß folgende kürzere Schreibweise entsteht:
   1234::678:ab56:faf

Von dieser Verkürzung darf jedoch aus Gründen der Eindeutigkeit nur einmal Gebrauch gemacht werden.

Es ist auch eine gemischte Schreibweise möglich, bei der die 96 höchstwertigen Bits der Adresse durch 6 Hexadezimalzahlen und die 32 niederwertigsten Bits wie bei IPv4 durch 4 Dezimalzahlen repräsentiert werden, wobei auch hier wieder die oben erläuterte verkürzte Schreibweise Anwendung finden darf:

  1234::678:171.86.15.175
Dies ist besonders in gemischten Umgebungen angenehm, die sowohl IPv4- als auch IPv6-Adressen verwenden.

Wenn IPv6-Adressen durch Auffüllen von IPv4-Adressen mit Nullen entstehen, ergeben sich durch die Verkürzung Adressen folgender externer Form:

  ::192.20.4.230

Um Adreßpräfixe auszudrücken, verwendet Christian Huitema in seinem Buch IPv6 - The New Internet Protocol eine Notation, bei der er an die Folge von Hexadezimalzahlen noch einen Schrägstrich und die Zahl der gültigen Bits (dezimal) anfügt, z.B.:

  5b00:1200::/24
Dies bedeutet binär:
  0101 1011 0000 0000 0001 0010
Bei der "Feinstruktur" der IPv6-Adressen ist noch kein stabiler Konsens erreicht, die folgende Tabelle ist daher nur als mögliches Beispiel für Adreßtypen zu verstehen (jeweils mit dem Adreßpräfix, wobei die letzte Spalte die Notation von Huitema enthält):

Adreßtyp Präfix (bin) Präfix (hex)
Provider-orientierte Unicast-Adressen 010 4000::/3
geografisch orientierte Unicast-Adressen 100 8000::/3
lokale Adressen an einer Leitung (link local use) 1111 1110 10 fe80::/10
lokale Adressen einer Einrichtung (site local use)1111 1110 11 fec0::/10
Multicast-Adressen 1111 1111 ff00::/8

Lokale Adressen an einer Leitung bzw. in einer Einrichtung finden hauptsächlich während des Bootstrap-Vorgangs Verwendung und unterstützen das automatische Zuweisen global einheitlicher Adressen (Plug & Play). Eine lokal eindeutige IPv6-Adresse wird im einfachsten Fall so gebildet, daß z.B. die 48-Bit-Ethernetadresse als niederwertiger Teil genutzt wird.

Provider-orientierte Unicast-Adressen könnten dann folgende Struktur haben (die Längen der einzelnen Teile sind noch variabel):

FormatpräfixAdreßregistratur Provider Kunde Subnetz Interface

Für die Abbildung heutiger IPv4-Adressen werden diese einfach mit Nullen aufgefüllt:

0000 ... 0000 (96 Bit) IPv4-Adresse

Diese Form wird voraussichtlich während der Übergangsphase von IPv4 zu IPv6 zur Anwendung kommen.


© Uwe Hübner, 29.4.1998